Hans im Glück

Hans im Glück

Kolumne von Eike Becker, "Immobilienwirtschaft" 04/2015

Architekturmodelle? Fehlanzeige. Die deutschen Städte sind auf der Mipim zu effizienten Partnerbörsen mutiert. Bei diesen Balztänzen ohne Bräute würden fertige Planungen nur stören.

Die Stimmung im Flugzeug ist beschwingt, wie bei einer Klassenfahrt. Die meisten kennen sich von diesen Ausflügen seit Jahren. Nach der Landung geht es mit dem Fahrer nach Cannes. Vorbei an Palmen und Segelschiffen, die warme Nachmittagssonne spiegelt sich auf den glitzernden Wellen des Mittelmeers. Am Horizont ist ein kleiner dunkler Punkt zu erkennen. Ein Hubschrauberflug direkt von Nizza Airport auf die Mipim nach Cannes. Flugzeit: 7 Minuten, 510 Euro für drei Personen.

Das Hotel liegt zentral, ist abgerockt, plüschige Vorhänge im winzigen, altrosa gestrichenen Zimmer simulieren gehobene Klasse. Aus dem Bad riecht es nach Schimmel. Bis vor ein paar Jahren hatte ich jeweils Ferienwohnungen gemietet. Die Apartments wurden von Jahr zu Jahr teurer und armseliger, bis ich dann einem Betrüger aufgesessen bin und trotz Anzahlung auf der Straße stand. Kein Einzelfall. Cannes ist kein Ort für Mimosen. Hier wird entschieden zugegriffen. Sorgen über ausbleibende Gäste macht sich keiner.

Zur Eröffnung ist der deutsche Pavillon proppevoll.

Reiner Nagel, Vorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, spricht eloquent und stolz über den Baukulturbericht 2014/15. Zu Recht. Der deutsche Botschafter lässt sich vertreten. Auch Jürgen Meyer H., Sauerbruch Hutton, Michael Schumacher, Rainer Schmidt, Lava, Jan Kleihues, Auer und Weber, Eller und Eller sind an Bord. 22.000 Besucher aus über 90 Ländern bieten sich als mögliche Geschäftspartner an. Das sollte für alle reichen. Ein Architekt braucht nicht einmal 50 Auftraggeber in seinem Leben. Diverse Termine später dusche ich im Hotel den verschwitzten Tag ab und telefoniere mit der Familie. Alle denken, ich würde Urlaub machen. Dann geht es mit dem Bus in ein Restaurant am Strand. Die Gastgeber erfreuen ihre Gäste mit einer extrem kurzen Ansprache.

Mein Tischnachbar beeindruckt mit einer eigenen Evolutionstheorie. Die Entwicklungslinie in der Immobilienwirtschaft geht so: Architekt, Makler, Projektentwickler und der Investor als Krone der Schöpfung. Auf meine Anmerkung, dass alle intensiv zusammenarbeiten müssen, um erfolgreich zu sein, antwortet er mir: „Ich brauche hier keine Couch und auch keinen Therapeuten!“ Seine Kollegin staunt wie ich über so viel Selbstvertrauen. Ja, daran mangelt es der Branche in diesen Boomzeiten nicht. Manch einer fühlt sich an 2007 erinnert, als auf grenzenlose Euphorie der Absturz folgte. Die Erfahrung rät zur Vorsicht, aber konkrete Argumente für eine bevorstehende Trendwende kann keiner nennen.

Am nächsten Tag habe ich 15 Termine und eine Gesprächsrunde.

Morgen bin ich heiser. Nach dem Abendessen geht’s auf eine Yacht mit Saxophonspielerin. Dort erfahre ich, dass der Auftraggeber, mit dem ich am Tag vor der Mipim den Architektenvertrag für den gewonnenen Wettbewerb unterschrieben habe, das Grundstück mit unserer noch zu erstellenden Planung bereits wieder so gut wie verkauft hat. Der Käufer verhandelt schon mit einem neuen Käufer für das dann fertiggestellte Gebäude. Von dieser Hans-im-Glück-Geschichte oder von dem biotonischen Getränk schwirrt mir schon der Kopf – ich verlasse das Schiff.

Am Donnerstag ist auf dem deutschen Stand deutsche Stunde. Prof. Dr. Elisabeth Merk, Stadtbaurätin von München, berichtet von ihrem Kampf mit den charmanten Männern in den dunklen Anzügen, die in der Regel ganz viel für die Grundstücke zahlen, ganz – puff, peng – schnell mehr Baurecht wollen, aber bereits vor Erteilung der Baugenehmigung neue Männer vor ihr sitzen, die noch mehr für dasselbe Grundstück gezahlt haben und noch mehr Baurecht wollen. Auch ich sehe diese wundersame Art der Geldvermehrung nicht gerne. Mit jedem Zwischenhandel bleibt weniger für die Architektur. Wie bei Hans im Glück.

EU-Generalkommissar Oettinger klopft bei seinem Besuch den Standpartnern gut gelaunt auf die Schulter. Er spricht den „Wissensträgern deutscher Ingenieurbaukunst“ und den „kreativen Architekten“ auf ihrem Weg hinaus in die interkontinentale Welt Mut und Selbstbewusstsein zu. Mit mehr politischer Unterstützung möchte er nächstes Jahr wiederkommen.

Nach der Podiumsdiskussion hadert ein Kollege mit seinem heimischen Berufsstand.

Kopf hoch, Architekten! Unter den zehn Städten mit der höchsten Lebensqualität auf der Welt finden sich nach einer Umfrage der Unternehmensberatung Mercer sechs in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Drei deutsche Städte sind vorne dabei. Reicht reden oder müssen wir liefern? Dazu noch mal Elisabeth Merk: „Wenn amerikanische Investoren zu mir kommen, fragen sie mich nach dem Gewerbegebiet, in dem sie ihr Hochhaus bauen können. Aber so geht das nicht bei uns. Und so etwas gibt es in München auch gar nicht.“ München ist bereits eine durchmischte Stadt, in der Arbeiten, Wohnen und Einkaufen eng miteinander verwoben sind.

Wer danach sucht, findet am Eingang zum Hafen das Mipim Innovation Forum. Orange und Frühlingsgrün versprechen jugendliche Neugier. Ben van Berkel was here. Yesterday. Ich genieße ein paar Minuten der Ruhe und der Leere. Für Innovationen steht hier auf der Mipim keiner Schlange. Frankfurt am Main hat eine Milieuschutzsatzung erlassen. Dadurch ist unser über ein Jahr mit der Behörde abgestimmter und bereits seit Dezember eingereichter Bauantrag zur Niete geworden. Am Frankfurt-Stand hat auch die neue Leiterin der Bauaufsicht bei allem Verständnis kein Ass im Ärmel, mit dem unser Projekt noch gerettet werden kann. Auf dem München-Stand geht es zu wie bei Woolworth in Neukölln zum Räumungsverkauf. Seit Jahren das Erfolgsmodell: 30 Standpartner, mehrere tausend Weißwürste, Brezeln und Gäste auf der Sonnenterrasse und maximal ein Architekturmodell. Denn um Architektur geht es hier nicht.

Auch Frankfurt, Berlin, Düsseldorf, Stuttgart und Hamburg sind auf der Messe im Palais des Festivals vertreten. Der Name ist eine kolossale Übertreibung für diesen abgewetzten, labyrinthischen Gelddruckmaschinenbunker zwischen Strand und Yachthafen. Die deutschen Städte sind weit voneinander entfernt verteilt, haben sich aber über die Jahre dem Münchner Vorbild bestmöglich angenähert: große, zentrale Bar mit Sonnenterrasse. Irgendwie gastfreundlich. Architekturmodelle? Fehlanzeige. Die Stände sind zu effizienten Partnerbörsen mutiert. Bei diesen Balztänzen ohne Bräute würden fertige Planungen nur stören.

Ach ja, die Frauen!

Durch das Fernbleiben der russischen Regionen mit ihrer Hostessstrategie ist die Frauenquote gefühlt erneut gesunken. Frauen in Führungspositionen sind immer noch die Ausnahme in dieser gockelhaften Branche. Wie viel besser könnte sie mit ausgewogenerem Führungspersonal wohl sein?! London und Paris sind in Zelten am Strand untergekommen und spielen in ihrer eigenen Liga. Die Stadt an der Themse wirbt mit ihrer Architektur. Riesengroße Stadt- und Hochhausmodelle zeugen von einem objektbezogenen Städtebau im Gegensatz zu den über und über fein geschliffenen und am Konsens und Kontext orientierten deutschen Städten.

Auch die zumeist hauptstadt-fixierten internationalen Akteure scheinen sich mit den vormals als intransparent beklagten deutschen Regionen angefreundet zu haben. Deutschland ist auf der Mipim 2015 für internationale Investoren und Entwickler gerade durch seine Polyzentralität, wirtschaftliche Stärke und Lebensqualität attraktiv. Und das, obwohl zum Beispiel der Frankfurter Wirtschaftsförderer es meidet, Chinesen die eigene Einwohnerzahl von jetzt gerade einmal 700.000 zu nennen. Für chinesische Maßstäbe würde dadurch die Mainmetropole zum Dorf geschrumpft.

The Times They Are A Changin‘. Immer wieder.