Von Sandburgen und Vorurteilen

Von Sandburgen und Vorurteilen

Kolumne von Eike Becker, "Immobilienwirtschaft" 06/2014

Offenheit führt zu Neugierde, Begeisterung zu mitwirkendem Handeln. Inklusivität schlägt Exklusivität, kooperatives Verhalten schlägt Einzelarbeit. Viele können mehr erreichen als Einzelne.

Sind Investoren egomanisch, Stadtplaner starrsinnig, Architekten verträumt und Banker gierig? Und ich könnte hinzufügen: Juristen streitsüchtig? GUs hinterhältig? Und Makler? Die mag sowieso keiner! Und die Immobilienbranche ist ein Club von alten Männern, die eigentlich schon alles erlebt haben! Das sind bestimmt alles Vorurteile, die nicht zutreffen! Trotzdem bleiben Fragen. Fragen wie zum Beispiel: Warum vertreten nicht mehr Frauen in Führungspositionen ihr Unternehmen auf der Expo Real oder auf der Mipim? Wie viele Träger öffentlicher Belange, Politiker, Vertreter der Stadtplanungsämter, Ingenieure, Architekten, Bürgerinitiativen, Baugruppen, Nachbarn sind auf den Marktplätzen der Immobilienbranche vertreten? Bleiben die alten, ehrgeizigen Männer doch zu sehr unter sich? Diese Frage habe ich mir gestellt, als ich im vergangenen Sommer am Strand von Westerland den eindrucksvollen Bau eines mächtigen Sandkrokodils betrachtete. Es war das Werk eines stolzen Vaters, der sich auch vom baldigen Ausscheiden seiner zwei Kinder nicht entmutigen ließ und in geschätzten weiteren fünf Stunden Arbeit dieses Zeugnis männlichen Willens hervorbringen konnte. Anerkennende Blicke der norddeutsch schweigsamen Nachbarn war sein Lohn. Dieser Moment ermutigte mich zu einem eigenen Feldversuch. Was dann passierte, übertraf alle meine Erwartungen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus den unterschiedlichsten Teilen der Republik fanden sich in Begeisterung für die gemeinsame Sache für Stunden zusammen und ließen eine Sandstadt samt Burg, Stadion, Aquarium, Friedhof und Le Corbusier Gedächtnishaus entstehen, die ihresgleichen sucht. Offenheit führt zu Neugierde, Begeisterung zu mitwirkendem Handeln und Viele können gemeinsam weit mehr erreichen als Einzelne. Auch wenn die Ergebnisse unseres Tuns schnell von der Flut wieder weggespült wurden, habe ich doch daran etwas erkannt: Inklusivität schlägt Exklusivität und kooperatives Verhalten schlägt Einzelarbeit.

Von Oben und Unten

Was uns und unseren Städten richtig weiterhelfen kann, ist ein Mehr an Verantwortungsbewusstsein, Offenheit und Zusammenarbeit. Von oben und von unten. Also für die Gesellschaft und für den Einzelnen. Denn die Umstände sind günstig. Nach dem Wiederaufbau der 1950er bis 1970er Jahre und der damit einhergehenden Stadtflucht hat sich der Trend der Suburbanisierung in unseren Städten umgekehrt. Niedrige Zinsen und steigende Mieten führen zu einem Wohnungsbauboom, wie es ihn in Deutschland in meiner Zeit noch nicht gegeben hat. Von den bis 2017 prognostizierten fast sieben Millionen Quadratmeter Geschossfläche, die allein in Berlin neu gebaut werden, sollen zwei Drittel Wohnungen sein! Damit befinden sich die Städte heute in einer günstigen Ausgangssituation, in der es gilt, die Chancen zu nutzen und die vorhandenen Möglichkeiten und Energien in die richtigen Richtungen zu lenken. Denn es stehen viele große Themen und Forderungen zur Lösung an. Hierzu zählen besonders die Energiewende, der Klimawandel, die Globalisierung und der strukturelle und demografische Wandel. Weitere sorgfältige Verdichtung der Innenstadtbereiche ist erforderlich. Die Universitäten sind Inkubatoren für Innovation und Wandel und müssen besser in den städtebaulichen und wirtschaftlichen Kontext eingebunden werden. Jeder hier investierte Euro verspricht Zinsen und Zinseszinsen. Die Entwicklung der innerstädtischen Brachen steht zur Konversion in neue Wohn- und Arbeits-Quartiere an. Zu wenig passende Wohnungen
Der Wohnungsbau wartet noch immer auf die Anpassung an die tatsächlichen und deutlich gewandelten Bedürfnisse der Eigentümer und Mieter. Berlin zum Beispiel hat viele, aber viel zu große Wohnungen. Mittlerweile gibt es in Deutschland 40 Prozent Einpersonenhaushalte! Aber zu wenig passende Wohnungen.

Unsere Arbeitsgewohnheiten haben sich radikal verändert. Warum werden so wenige Bürogebäude gebaut, die die veränderten Nutzerbedürfnisse nach mehr Kommunikation, mehr Abwechslung, mehr Mobilität berücksichtigen? Nicht alle können zu Sozialmieten in der Stadtmitte leben. Deshalb müssen die Bezirkszentren zurück zu lebenswerten Stadtteilen entwickelt werden. Es müssen Antworten auf das Wegbrechen der großen Bauunternehmen in Deutschland gegeben werden und auf die Frage, wie wir den Prozess erfolgreicher organisieren können.

„Weiter so“ reicht nicht

Die Stadtteile mit hohem Migrantenanteil und besonderem Erneuerungsbedarf wie in Berlin zum Beispiel Neukölln müssen stabilisiert werden. Dies sind nur einige der großen Themen, die zur Bearbeitung anstehen. Dabei reicht ein „Weiter-so-wie-bisher“ nicht aus. Die am Bau Beteiligten müssen stärker und frühzeitiger zusammenarbeiten und ihr jeweiliges Fachwissen vorbehaltlos einander zur Verfügung stellen. Die Parteien, Regierungen, Fraktionen, Oppositionen, Stadtplanungsausschüsse, Verwaltungen, Regionalplaner, Stadtplaner, Verkehrsplaner, Träger öffentlicher Belange, Projektentwickler, Grundstücksbesitzer, Investoren, Banken, Generalunternehmer, Architekten, Ingenieure, Feuerwehren, Gutachter, Juristen, Nachbarn, Bürgerinitiativen entscheiden, wie unsere Städte aussehen. Dabei stoßen wir immer noch auf viel Misstrauen und wenig Kenntnis vom Fachwissen und den Aufgaben und Interessen der anderen. Leider arbeiten in der Immobilienwirtschaft immer noch viele wie der Familienvater am Strand: alleine an ihrem Werk. Doch die Probleme und Herausforderungen, die wir zu lösen haben, sind zu komplex, als dass wir sie als Einzelgänger und in kleinen Gruppen lösen könnten. Die Branche muss sich deutlich stärker für die anderen gesellschaftlichen Gruppen öffnen und deren Wissen und Motivationen nutzen.

Mit Themen wie zum Beispiel der Integration von Frauen in Führungsgremien, der Beteiligung von Nachbarschaften, der Durchführung von Wettbewerben, interdisziplinärem Arbeiten, Fehlermanagement, Mitarbeiterbeteiligungen, Innovationsmanagement oder innovativen Lösungen im Allgemeinen tun sich in der Branche viele Unternehmen schwer. Doch gerade in der Verbesserung der Zusammenarbeit verschiedener Teilnehmer am Planungs- und Bauprozess liegen große Potenziale. Es geht einfach zu viel Energie, Wissen, Geld, Lebenskraft und richtiges Handeln an den Schnittstellen zwischen öffentlicher Hand und Privatwirtschaft, zwischen Planung und Bauausführung, zwischen Entwicklung und Nutzern verloren! Dazu müssen wir Vorurteile schleifen und Hürden abbauen.

Offener und neugieriger

Wir sollten noch stärker von Anderen lernen. Gute Ideen und Innovationen müssen geteilt werden. Wer kann etwas besser als wir? Und: Kann uns das nutzen? Und last but not least sollten wir offen sein. Als Gesellschaft, Unternehmen und Einzelne sollten wir eine tatsächliche Willkommenskultur leben. Offener, neugieriger und vor allem integrativer sein. Investoren sind keine Egomanen, Stadtplaner keine Sturköpfe und Architekten keine Träumer. Wenn wir das erkennen, können wir uns deutlich größeren Herausforderungen zuwenden. Denn die Städte, in denen wir leben, an denen wir manchmal verzweifeln und die wir gleichzeitig lieben, stellen uns vor deutlich komplexere Aufgaben als Sandburgen am Strand.