Die riesigen Gewölbe der ehemaligen Brauerei unter dem Pfefferberg sind kalt. Die Aedes Galerie hatte dort in das Atelier von Ai Weiwei eingeladen. Harald Welzer ließ die versammelten Architektinnen und Architekten lange warten, bis er anschließend sein ratloses Publikum mit ihren sorgenvollen Blicken in eine ungewisse Zukunft entließ. Keiner dieser wundervollen Gestalter tief unter der Erde hatte am Ende der Diskussion eine hoffnungsvolle Vorstellung von der eigenen Zukunft im KI Zeitalter.
Mittlerweile sind einige Monate seit dem Abend im Keller vergangen und wir haben ganz pragmatisch damit begonnen, KI in unseren Arbeitsalltag zu integrieren.
Im Büro treffen wir uns morgens für ein paar Minuten, trinken einen Cortado und reihum berichtet ein Team von seinem Projekt.
Seit einiger Zeit beantworten wir dabei auch die Frage: «Und, was hast du mit KI gemacht?»
Wir haben einen KI-Manager und einen Softwareentwickler eingestellt, einmal in der Woche trifft sich der harte Kern, zweimal werden neue Anwendungen vorgestellt. Individuelle Betreuung beschleunigt die Entwicklung.
Für Steuern, Personal und Finanzmanagement ist die neue Software ebenso hilfreich, wie für Recherche, Planung und Kommunikation. Besprechungen werden aufgezeichnet und verschriftlicht. Ein KI-Agent beantwortet projektbezogene Fragen. Unser mühsames Ablagesystem ist damit Vergangenheit.
Architekten haben sich zu lange damit abgefunden, einen grossen Teil ihrer Zeit dafür zu verwenden, Informationen zu suchen, zu koordinieren, zu prüfen und in Planungen zu übersetzen. Mit der neuen Technik können diese Aufgaben schnell und präzise erledigt werden.
Oft funktionieren Lösungen zunächst nur zum Teil. Mit besseren Prompts, Skills, Plugins und Automatisierungen werden auch die Ergebnisse besser. Gleichzeitig entwickeln sich die LLM-Systeme der Bros aus Kalifornien alle 2-3 Monate weiter.
Wir sehen gerade, dass aus dem jetzigen KI Assistenten ein Team von Agenten wird: der erste prüft Flächen und Kosten, ein zweiter die Einhaltung des Baurechts, ein dritter die Nachhaltigkeitsziele, usw. Sie arbeiten ziemlich selbstständig und gleichen ihre Ergebnisse ab.
Aus einem ersten Entwurf entstehen so vielfältige Varianten, die parallel schon auf Flächeneffizienz, Baukosten, CO? Ausstoß, Tageslicht und Genehmigungsfähigkeit untersucht wurden.
Ein Projektleiter hat neben seinen menschlichen Kollegen einen digitalen Werkzeugkasten spezialisierter Agenten zu steuern. Damit wachsen kleinen Teams Flügel. So übertreffen sie die Produktionskraft von heute noch viel grösseren Büros.
Das ist eine Revolution. Denn dieselben digitalen Möglichkeiten stehen allen zur Verfügung. Ein Projektentwickler wird Grundstück, Baurecht, Fläche, Baukosten und Renditeziele eingeben und möglicherweise ähnliche Varianten auch selbst erzeugen können. Was bedeutet es für Projektmanager, Tragwerksplaner, Haustechniker oder Bauphysiker, wenn große Teile ihrer Arbeit von spezialisierten Agenten erledigt werden können?
Architekten werden auch zukünftig erfolgreich sein. Wenn sie einen Mehrwert schaffen.
Wenn eine Aufgabe, für die heute drei Wochen benötigt werden, morgen in drei Stunden erledigt ist, werden sie aber nicht vorrangig für die Produktion von Zeichnungen, sondern für sorgfältige Entscheidungen honoriert: Was soll gebaut werden? Welche Idee, Haltung, Vision, gesellschaftliche Vorstellung liegt dem Projekt zugrunde? Welche der maschinell erzeugten Lösungen sind diskussionswürdig? Diverse Interessen von Bauherrn, Stadt, Nutzern, Fachplanern und Öffentlichkeit müssen gegeneinander abgewogen werden. Hinter welcher Lösung können sich die Stadtgesellschaft, die öffentlichen Institutionen und die Auftraggeber versammeln? Wofür lohnt es sich zu kämpfen? Je leistungsfähiger die Maschinen werden, desto wichtiger wird der verantwortliche Autor, versierte Entscheider und Gestalter.
Wie verändern sich seine Aufgaben, wenn einem einzelnen Architekten die Arbeitskraft von zehn, hundert oder tausend digitalen „Mitarbeitern“, Agenten, zur Verfügung steht?
Software kann in Kürze zeichnen, schreiben und rechnen.
Aber sie hat kein eigenes Anliegen. Sie kann kein besseres Haus, keine bessere Stadt und keine menschlichere Gesellschaft wollen.
Die Richtung, die Inhalte, die Sehnsucht und der Wille dazu sind in unserer Verantwortung.