Klimawandel: Kolumne Eike Becker, Immobilienwirtschaft 09/18

Klimawandel: Kolumne Eike Becker, Immobilienwirtschaft 09/18

Über die seit Mitte der 1970er Jahre festgestellte und bis heute ununterbrochene Klimaerwärmung wurden viele tausend Studien veröffentlicht, von denen die große Mehrheit (etwa 97 %) den wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel stützt. Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen fielen die zehn wärmsten Jahre alle in die Zeit nach 1997. Für eine derartige Häufung an Hochtemperaturphasen gibt es keine andere plausible Erklärung als die vom Menschen emittierten Treibhausgase. Selbst das eher klimaskeptische US-Verteidigungsministerium stuft den Klimawandel als wachsende Bedrohung der nationalen Sicherheit ein und befürchtet, dass sich Naturkatastrophen, Flüchtlingsströme und der Kampf um knappe Ressourcen, wie Nahrung und Wasser, in globalen Konflikten entladen werden. Für die Vereinten Nationen ist der Klimawandel die größte systemische Bedrohung der Menschheit. 71 Prozent aller Deutschen fürchten den Klimawandel mehr als Kriege, Terroranschläge oder Altersarmut.

Doch statt auf die Bremse zu treten, schaltet die Menschheit noch einen Gang höher: Nach drei Jahren der Stagnation sind die weltweiten Emissionen 2017 erstmals wieder gestiegen – auf die historische Höchstmarke von 32,5 Milliarden Tonnen. Und dabei wird es nicht bleiben. Denn die USA (16 % der globalen CO2-Emissionen), hinter China (28 %) der zweitgrößte Klimasünder, haben den Pariser Klimapakt aufgekündigt. Und auch Deutschland (2,36 %) hat sich mittlerweile zum größten Klimasünder der EU entwickelt. Den größten Anteil am hiesigen CO2 Ausstoß haben die 148 Kohlekraftwerke, die immer noch am Netz sind, und ihren überschüssigen, schmutzigen Strom ins Ausland exportieren, obwohl ihre Leistung längst durch Erneuerbare Energien kompensiert wird. Der Regierung fällt es schwer, sich gegen die Lobby der etablierten Energiewirtschaft durchzusetzen. Diese will mit ihrem alten Geschäftsmodell noch möglichst lange Geld verdienen. Wie die Autoindustrie, die mit unsauberen Tricks am schmutzigen Verbrennungsmotor festhält, statt den sauberen Elektroantrieb voranzubringen.

Die Baubranche trägt besonders viel zum Klimawandel bei. Sie steht für fast 40 % des weltweiten Endenergieverbrauchs und 20% der CO2 Emissionen. Sie verbraucht 50 % der weltweiten Ressourcen und produziert 50 % des Abfallaufkommens. Daraus resultiert eine enorme Verantwortung.

Der Klimaschutz in der deutschen Baubranche fokussiert sich im Wesentlichen auf die gesetzlich vorgeschriebene Energieeinsparung und -effizienz von Gebäuden. Aber nach den ersten Erfolgen erkenne ich jetzt eine deutliche Reformunwilligkeit in der Branche: „Macht doch mal Pause mit dem Klimaschutz.“  Unglaublich angesichts der tatsächlichen Bedrohung. Und vom Gesetzgeber wird weiterhin das Thema Wärmedämmung groß geschrieben. Höhere Umweltauflagen für Gebäude leisten einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz, verteuern den Bau aber auch. Vor dem Hintergrund, dass sozialverträgliches Wohnen in den Ballungsräumen zur Mangelware geworden ist, stellen Einige die Frage, ob der Preis, der für den Umweltschutz gezahlt wird, nicht zu hoch ist. So verteuere die aktuelle EnEV den Baupreis pro Quadratmeter um rund 100 Euro, das damit gewonnene zusätzliche Energie-Einsparpotenzial liege aber lediglich bei mageren 0,02 %. Da ist ein Umdenken erforderlich. Regenerative Heizsysteme (Umweltwärme, Biomasse und Sonnenergie) können da weiterhelfen.

Aber bezahlbares Wohnen contra Umweltschutz ist ein irreführender Konflikt. Lockert man die Umweltauflagen, kippt das Klima. Gibt es keinen bezahlbaren Wohnraum, kippt die Gesellschaft. In beide Richtungen müssen unvermindert erhebliche Anstrengungen unternommen werden. Und da gibt es noch viel Raum für Innovationen und deutlich bessere Lösungen. Zum Beispiel sind 75 % aller Heizungen in Deutschland mehr als 20 Jahre alt und entsprechen nicht mehr dem Stand der Technik. Dabei ließe sich der Gebäudeenergiebedarf allein durch moderne Heiztechnik um 13 % senken. Dieses Potenzial wird aber nicht ausgeschöpft, weil rund 11 Millionen veraltete Niedertemperaturheizungen von der in der EnEV vorgeschriebenen Austauschpflicht ausgenommen sind.

Auf den Baustellen kann immer noch eine erschreckende Verschwendung hochwertiger Ressourcen beobachtet werden. Und dann wird vieles so zusammengeklebt, dass es später keiner mehr auseinander bekommt. Das Meiste, was in der Bauindustrie unter Recycling läuft, ist nicht mehr als eine energieintensive Abfallentsorgung. Kabel und Glas werden eingeschmolzen, Steine und Estrich geschreddert, Dachstühle und Schalholz verbrannt. Ein Trauerspiel.

Die Graue Energie ist in der Klimabilanz eine nahezu unbeachtete Größe. Darunter versteht man die Energiemenge, die für Herstellung, Transport und Entsorgung benötigt wird. Sie ist der ökologische Rucksack, den jedes Gebäude mit sich trägt. So ist der Herstellungsenergiebedarf mancher Niedrigenergie- und Passivhäuser wesentlich höher, als ihr gesamter Heizenergiebedarf. Hauptverantwortlich dafür sind Bauteile, die in zahlreichen energieintensiven Umwandlungsschritten hergestellt werden. Denn je mehr ein Baustoff bei seiner Herstellung bearbeitet, wärmebehandelt oder chemisch verändert wird, desto schlechter wird sein ökologischer Fußabdruck.

Hoffnung macht das EU-Forschungsprojekt „Buildings as Material Banks“ (BAMB). Bis 2021 wollen 15 europäische Unternehmen, Forschungsinstitute und Universitäten einen sogenannten Materialpass für Neu- und Umbauten entwickeln. Damit soll Abfall über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes komplett vermieden und der Verbrauch natürlicher Ressourcen deutlich verringert werden. Er soll dazu beitragen, dass die Wiederverwertbarkeit der Baustoffe bereits in der Planungsphase in den Erstellungsprozess integriert wird und sie am Ende des Lebenszyklus wieder aufbereitet und in gleicher Güte erneut verbaut werden. Der Materialpass schafft damit die nötige Transparenz, um eine echte Kreislaufwirtschaft in der Bauindustrie zu etablieren. Aber auch ohne Materialpass ist es schon heute geboten, Baustoffe so einzusetzen, dass sie möglichst hochwertig wiederverwendet werden können.

André Le Nôtre kannte noch keinen Klimawandel. Als aber 1979 in Vaux-le-Vicomte ein Teil des 11. James Bond Films Moonraker gedreht wurde, setzte sich gerade die wissenschaftliche Auffassung durch, dass die Erde auf eine Katastrophe zusteuert. Im Film rettet Roger Moore die Weltbevölkerung vor einem Giftgasangriff aus dem Weltall. In der realen Welt müssen Milliarden Menschen kooperieren und ihr Verhalten ändern. Noch ist es nicht zu spät.