Die Kolumne. Eike Becker: "Post-Corona-Office", erschienen in Immobilienwirtschaft 11/2021

Die Kolumne. Eike Becker: "Post-Corona-Office", erschienen in Immobilienwirtschaft 11/2021

Post-Corona-Office
Jetzt nicht schlapp machen!


Nach der Erfahrung von drei Lockdowns und nun vor dem zweiten Corona-Winter hat gerade wieder die „Expo Real“ stattgefunden. Ohne mich. Ich konnte der Vorstellung, mich in den Flieger zu setzen und über drei Tage und Nächte zusammen mit tausend anderen, maskierten Zeitgenossen auf engstem Raum die nur zu vertrauten Rituale zu zelebrieren, nichts abgewinnen. Ich bin draußen.

Ist denn jetzt schon wieder alles so wie vor Corona? Morgens aufstehen, zum Flughafen hasten, durchstarten, dann weit weg landen, dann Besprechung, Besprechung, Besprechung und dann wieder zurück, um spätabends wieder in mein heimisches Bettchen zu taumeln. 

Klar, die Immobilienbranche ist unaufhaltsam wie ein Güterzug mit Schneepflug durch die Pandemie gerast. War da was? Und schon geht‘s weiter. "The new normal is the old normal". Eine Reise um die Welt und schon sind wir wieder da, wo alles begann. Haben wir nichts gelernt bei dieser pandemischen Weltumsegelung? Sind wir jetzt etwa wieder glücklich, am Ausgangspunkt unserer Reise angekommen zu sein? 

Allzu viele Corona-Erkenntnisse sind in der Immobilienwirtschaft noch nicht bekannt geworden. Über Veränderungen wird sich schon wieder lustig gemacht. Home-Office wird vielerorts zur gescheiterten Idee erklärt und die persönliche Anwesenheit bei Projektbesprechungen wieder häufiger eingefordert. 

Ich kann nicht glauben, dass solche Rückschritte erfolgreich sein können. 

Für eine abschließende Beurteilung ist es natürlich noch zu früh. Aber ich habe mich gerade mal hingesetzt und aufgeschrieben, was sich bei mir und meinem kleinen Team durch die Pandemie in den vergangenen beiden Jahren verändert hat. Nichts ist im Einzelnen spektakulär, eigentlich nicht besonders der Rede wert. Aber es scheint mir sinnvoll, anhand dieses Beispiels deutlich zu machen, wie weit wir uns von unserer Ausgangsposition aus der Zeit vor Corona entfernt haben. Dorthin zurückzukehren, wäre ein Verlust. Und hier weiter zu machen, ein Gewinn.

Mir ist gerade zu Beginn der Pandemie klar geworden, dass erfolgreiche Veränderungen nur in seltenen Fällen ausschließlich von oben kommen. Deshalb haben wir viel diskutiert. Mit Allen, die wollten. Denn gesundheitliche Themen betreffen jeden besonders persönlich. Auch war die Situation so neu, dass keiner auf seine Erfahrungen zurückgreifen konnte. Der frische Blick und das gemeinsame Überlegen und Entscheiden funktionierte einfach besser. 

So zu diskutieren, ist gar nicht so einfach. Deshalb haben wir erstmal geübt in Kommunikations- Workshops. Nach anfänglichen Selbstversuchen haben wir uns Hilfe geholt. Sabrina Eilers hat mit uns Übungen durchgeführt und uns beigebracht, wie wir Konflikte nutzen, um besser zu werden. Wie wir friedlicher und freundlicher unsere Positionen deutlich machen können, ohne andere zu verletzen. Und wie wir Ansprüche formulieren und umsetzen, die unseren Vorstellungen von achtsamer und schlauer Projektarbeit auch nach außen tragen: Zu Auftraggebern und zu Ingenieuren.

Das dezentrale Arbeiten hat uns zu regelmäßigen Gesprächsformaten geführt, die uns zusammenbringen. Ich genieße jetzt unseren morgendlichen gemeinsamen „Cortado“, der allmorgendliche Café für alle um 10.00 Uhr. Oder unser „Salute Matador“ am Freitag mit Drinks und Nibble-Food an der Bar. Auch unser „Entre Nous“, ein monatliches Gespräch zu stadtpolitischen Themen, trifft auf reges Interesse der MitarbeiterInnen.

Durch diese sozialen Formate haben wir besser zusammengefunden: Das hat zur Einrichtung von Arbeitskreisen geführt, die eigenständig unsere großen Themen voranbringen: Nachhaltigkeit (wir werden klimaneutral), Entwurf (wer, was, wann, wie), Innovationen (alles, was uns besser macht), Qualitäten (Wissen immer da, wo es gebraucht wird), Weiterbildung (technisches Wissen, Sozialkompetenz, Persönlichkeit) und Well-Being (Feiern, Fahrräder, Monatskarten, Mittagessen, etc.). Die Ergebnisse der Arbeitskreise werden alle sechs Wochen im „Governance Meeting“ zur Entscheidung gebracht. Alles, ‚was uns nicht schadet‘, ist nach kurzer Diskussion ohne Abstimmung beschlossen und wird umgesetzt. Damit landen wir nicht beim kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern fördern Mut durch Entscheidungen. 

So haben wir mittlerweile die Geschäftsführung mit fünf großartigen Associates gestärkt, die Digitalisierung der Buchhaltung abgeschlossen und das Steuerbüro mit dem Banking, Personalwesen und Controlling vernetzt. BIM ist in allen Projektteams etabliert. Über Revit/ Navesworks können Auftraggeber unsere virtuellen Modelle selber drehen, wenden, durchlaufen und, praktischer Weise, gleich dort kommentieren. Pläne sind dadurch überflüssig geworden. Jetzt haben wir auch Pflanzen im Büro, Fair-Trade Kaffeebohnen. Und ein Wasserhahn, dem ein umweltfreundlicher Filter vorgeschaltet ist, macht die Wasserflaschen in Kisten überflüssig.
Seit August 2021 arbeiten wir außerdem am Aufbau der EB_Akademie, die Projektleiter und alle, die es werden wollen, dabei unterstützt, Hard- und Soft-Skills zu lernen und auszuprobieren.

Eine interne Kommunikationsplattform wirkt zudem Wunder und ein interner Newsletter berichtet über Neuigkeiten im Büro, damit wir bei allen großen Herausforderungen die kleinen Erfolge nicht vergessen. 

Viele kleine Schritte, die aber in der Summe ihre Wirkung entfalten. 

Einiges hat auch nicht funktioniert: Wenn die Hälfte der KollegInnen zuhause arbeitet, bleiben zu viele Führungsaufgaben an denen hängen, die im Büro sind. Oder wenn montags und freitags viel weniger KollegInnen im Büro sind, als mittwochs und donnerstags, kann das auch eine gute Idee belasten.

An verschiedenen Stellen sind wir auch stecken geblieben. Da sind wir ohne Hilfe von außen nicht weitergekommen und haben Berater hinzugezogen. So geschieht das bei der Reorganisation unserer Ordnerstruktur (wie toll, wenn Alle wieder alles wiederfinden) und der Standardisierung unserer Dokumente (dann kann jeder Briefe, Protokolle, Tabellen, Präsentationen gleich richtig schreiben), bei der Weiterbildung, der steuerlichen Reorganisation oder dem Weg zur CO2-Neutralität. Wir sind ArchitektInnen und keine Fachleute für diese Themen. Veränderungen müssen Spaß machen. Und das geht nur, wenn es schnell geht. Wenn Entscheidungen getroffen, die dann auch zügig umgesetzt werden. Ansonsten entsteht Langeweile, Frust und das können wir überhaupt nicht gebrauchen.

Ich komme gerne in unser Büro. Vom 15. Stockwerk aus ist der Blick über die Stadt auch im tristen Berliner Winter ein Versprechen von Weite und Welt. Schön ist, eine herannahende Regenfront zu beobachten oder der Moment, wenn die Sonne wieder hervorbricht und die Westfassaden der Stadt in warmes Abendlicht taucht. So gerne setze ich mich an meinen Schreibtisch und entwerfe. Zurzeit ein Stadtquartier in Waldenburg, ein Hochhaus in Offenbach, ein Holzhybrid-Gebäude in Berlin, ein Entrée in Frankfurt, Fassaden-Details in Hamburg oder eine Türklinke.
Ich liebe meine Arbeit als Planer, Architekt und Designer. Und ich liebe die wuselige Zusammenarbeit mit den Menschen, von denen einige bereits seit Jahren mit mir gemeinsam unterwegs sind. 

Mittlerweile arbeiten wir an 20 Projekt in 10 Städten, sind 60 ArchitektInnen aus 19 Nationen, verteilt auf 4 Standorte, zusammen mit 100 IngenieurInnen. Das war auch vor der Pandemie nicht viel anders. Nur chaotischer und intransparenter. Wir haben unsere Möglichkeiten, Entscheidungen zu treffen, viel schlechter genutzt. Jetzt wollen wir als Büro klimaneutral werden, unsere Akademie aufbauen, digitale Modelle als Bauanträge einreichen und wunderschöne, holzhybride Hochhäuser ohne Schornsteine bauen. 

Würden wir uns zurücksehnen in die gute alte Zeit vor der Pandemie? Keine Spur! Die gibt’s nicht mehr.

 

Foto / Grafik: Eike Becker_Architekten