Die Kolumne. "Vom Aufhören und Anfangen"

Die Kolumne. "Vom Aufhören und Anfangen"

Die Einladung zu einem Vortrag über Modulares Bauen führte mich nach drei Jahrzehnten wieder an meinen Studienort Aachen zurück. Am Abend vorher nahm ich mir einen Roller und fuhr vom Haus mit meinem ehemaligen Studentenzimmer durch die Innenstadt zum Reiff Museum, der Architektur-Fakultät. Vorbei an Parks, Plätzen und Kirchen, für die ich als Jugendlicher keine Aufmerksamkeit hatte. Ich sah die Stadt und die heutigen Studierenden auf den Straßen und in den Kneipen wie ein aus der Zeit gefallener Beobachter meines ehemals jugendlichen Lebens. In Retrospektive. Gelebt, vergangen, nicht korrigierbar.

Im Dezember ist Richard Rogers gestorben. Ein Held meiner Jugend. Um für ihn zu arbeiten, bin ich nach London gezogen. Da hatte er bereits das Centre Pompidou und die Lloyds Bank gebaut. Überdimensionale, moderne, fossile Maschinen. Gebaute Fanfaren einer revolutionären Generation. Ich habe ihn als Anführer einer Gruppe von humorvollen Individualisten kennengelernt. Eine barocke Erscheinung, farbenfroh gekleidet, lässig, begeistert und begeisternd. Ein dyslektischer Schnellredner, charismatisch und leidenschaftlich, der das Leben liebte und die Menschen. Seine Helden waren Mies, Eames und Wright, seine Freunde und Konkurrenten auch Norman und Renzo.

Im Sommer lud er die Mitglieder seines Büros zu sich nach Hause ein. Dort konnte ich seine High Tech Einrichtung und die zehn Mao Portraits von Andy Warhol bewundern. Vor drei Jahrzehnten gingen die fast noch für eine linke, soziale Gesinnung durch.

In seinen Reith Lectures, die von der BBC im Radio gesendet wurden, kämpfte er um die Zurückeroberung des Themse Ufers und sprach über die Bedeutung solcher öffentlichen Räume für die Gesellschaft. Auch davon, dass die Stadt den Menschen gehört und nicht allein dem Kapital überlassen werden kann, wenn es um die Schaffung von Lebensqualität geht. Auch dafür hat ihn die Queen zum Ritter geschlagen. Später wurde er noch Lord und dann Baron. Vom Goldenen Löwen der Venedig Biennale bis zum Pritzker-Preis hat er alles abgeräumt.

In London war ich in meinen Zwanzigern und er etwa so alt wie ich heute. Diese Zufälligkeit wirft mir einige Fragen vor die Füße, die mich innehalten lassen in meinem Lauf. Was will ich, angesichts meiner eigenen Endlichkeit, noch erreichen? Welche Spuren werde ich hinterlassen? Wen würde ich gerne am Ende meines Lebens in mir erkennen?

Die Moderne hat das Leben für unendlich erklärt und den Tod aus unserem täglichen Streben verbannt. Darüber spricht man nur, wenn es für die Betreffenden zu spät ist. Selten habe ich mich bisher mit dem Ende meines Lebens, dem Ende meiner Schaffenskraft beschäftigt. Auch in meinem Freundeskreis kenne ich keinen, der diese natürliche Herausforderung bereits angenommen hat und sein Leben vom Ende denkt.

Das trifft auch auf die Gesellschaft als Ganzes zu. Auch hier wird einfach immer nur weitergearbeitet. Radikale Richtungswechsel sind im System nicht vorgesehen.

Viel zu selten findet eine Überprüfung der erlernten Strategien und vertrauten Überzeugungen statt. Auch die Grundsätzlichkeiten dieser Zeit werden selten und zaghaft in Frage gestellt. In Gesprächen fällt mir immer wieder auf, wie verbreitet die Annahme ist, es ginge einfach immer so weiter, wie es gerade läuft: Die Demokratie, der Kapitalismus, das gute Leben für einige, die Verteilung von Armut und Reichtum, Gesundheit und Krankheit, grenzenloses Wachstum. Der Status quo wird einfach nur fortgeschrieben und Viele meinen, so wie heute wird es weitergehen, nur noch besser. Oder nur noch schlechter, je nach Temperament. Selbst katastrophale Ereignisse und Entwicklungen führen selten zu radikalem Umdenken. Zu verlockend ist das vertraute kleine Häuschen, das wir uns über die Jahre gemütlich zusammengezimmert haben. Und zu bedrohlich und verlustreich der große fremde Kontinent, der vor uns liegt.

Aber einfach nur schneller, höher, weiterbasteln ist ein fragwürdiges Erfolgsrezept aus dem 20. Jahrhundert. Mehr Umsätze führen nicht gleich zu mehr Wohlstand. Grenzenloses Wachstum, mehr Handel und mehr Konsum nicht zu glücklichem Leben und einfach mehr bauen nicht zu besseren Städten. Der Planet ist fragiler als bisher gehofft und die fossilen Ressourcen sind endlich. So auch unser individuelles Leben.

Es geht darum, die Endlichkeit in den Alltag einzuladen. Und in ihrem Beisein die gewohnte Normalität zu prüfen. Und zu lernen, Abschied zu nehmen. Von Lebensweisen und Gewohnheiten, die aus der heutigen Perspektive genau das Gegenteil von dem bewirken, weshalb sie eigentlich entstanden sind. Und nicht mehr für das 21. Jahrhundert taugen.

Wir müssen unsere Art zu wirtschaften, zu handeln, zu planen, zu bauen und zu produzieren ändern, um auch den nachfolgenden Generationen ein gutes Leben zu ermöglichen.

Einfach auf sich allein zu schauen, seine verbleibende Zeit zu genießen, schöne Häuser planen und danach die Sintflut? Das reicht nicht.

Ich will am Ende behaupten können, ich habe keine Entscheidungen getroffen oder mitgetragen, die heutige und zukünftige Menschen in ihrer Entfaltung beeinträchtigen.

Ich will sagen können, ich habe an gerechten und lebenswerten Städten mitgebaut. Ich habe meinen Lebensstil so geändert, dass ich gemeinwohlorientiert wirtschafte, klimaneutral bin und meine Mobilität an die geänderten Erfordernisse angepasst habe.

Ich schreibe diese Kolumne am Sonntag nach Silvester. Noch rieche ich den Pulverdampf, höre das Donnern der Geschütze und sehe die explodierenden Raketen über der Dachterrasse mit der guten Aussicht. Sprengstoff aus dem nahen Polen hat, trotz eines lokalen Verkaufsverbotes, für ein imposantes Feuerwerk gesorgt.

Das zweite Seuchenjahr haben wir verabschiedet und 2022 voller Hoffnungen begonnen. Cheers auf das baldige Ende der Pandemie, auf eine neue Bundesregierung und eine Politik, die der Klimakatastrophe beherzt begegnet. Und die Digitalisierung voranbringt. Auf eine Politik, die der Wohnungsnot begegnet und die städtischen Zentren stärkt. Auf eine Politik, die die Verkehrswende schafft. Auf eine Bundesbauministerin und auf neue Baudirektorinnen in Berlin und München.

Unserer kleinen Party Gesellschaft hat es Vergnügen bereitet, die jeweils individuellen Abschiede von dem, was man zurücklassen möchte, auf kleine Zettel zu schreiben. Und diese dann zu verbrennen.

Abschied zu nehmen von der Gewohnheit, für eine Besprechung mal schnell in den Flieger zu steigen. Abschied zu nehmen von der Vorstellung, alle müssten immer am runden Tisch sitzen, um gut voran zu kommen. Abschied zu nehmen von der Art, wie wir uns ernähren. Und damit von einer Land- und Forstwirtschaft, die zu Umweltvergiftung und Artensterben geführt hat. Und einer industriellen Tierhaltung mit unvorstellbaren Quälereien in den Ställen.

Ich habe mich bei der Gelegenheit auch von den Helden meiner Jugend, Pierre Brice, Bernhard Grzimek, Diego Maradona und Richard Rogers verabschiedet. Und, weil es gerade so gut lief, auch von meiner Jugend selbst. Sehr spät, ich ahne es, aber ich übe ja noch.