Die Kolumne. "Energiewende"

Die Kolumne. "Energiewende"

Es war ein milder Frühlingsabend in der Schiffbauergasse in Potsdam, an dem Hans Joachim Schellnhuber vor dem versammelten Konvent der Baukultur seine mit bewundernder Neugier erwartete Rede hielt. Er sieht im Holz den Baustoff der Zukunft und die einzige Möglichkeit, Kohlenstoff in großen Mengen aus der Luft zu filtern, zu binden und in den Neubauten über Zeiträume von 100-200 Jahren einzulagern. Auf diese Weise werden die Baustoffproduktion zur Kohlenstoffsenke und die Städte zu Kohlenstofflagern. Eine betörend einfache Argumentation, die gerade im Vergleich zu der energieaufwändigen und Unmengen von CO2 erzeugenden Stahl- und Zementproduktion zielführend erscheint. Der Applaus war riesig und die Sympathien für den vielfach ausgezeichneten Klimaforscher und weltweit nachgefragten Berater füllten den Saal bis unters Dach. Nur Werner Sobek, die Lichtgestalt unter den Weltingenieuren, schüttelte verschiedentlich den Kopf, griff anschließend zum Mikrofon, erklärte sich nicht mit allen Punkten seines geschätzten Vorredners einverstanden und kündigte seinen eigenen Vortrag an.

Die Neugier des Publikums konnte kaum größer sein, als er am darauffolgenden Vormittag die Bühne betrat. Er rechnete vor, dass von einem im Wald gefällten Baum lediglich 30 % Verwendung finden. Der Rest, wie beispielsweise das Wurzelwerk, die Äste und die Blätter, die Rinde und die beim Sägen abfallenden Reste werden durch Bakterien oder durch Verbrennung wieder vernichtet und der Kohlenstoff gelangt in Form von CO2 erneut in die Atmosphäre. „Lasst die Bäume im Wald!“ ruft er ins Publikum und „Hört auf zu bauen!“.

Was folgt aus diesen, so widersprüchlichen Positionen der beiden kenntnisreichen Forscher? Heißt das, wir müssen unverzüglich mit dem Neubau aufhören? Stellen alle Aktivitäten ein und arrangieren uns mit dem Status quo? Das scheint mir angesichts der Millionen von Altbauten mit Ölbrennern und ungedämmten Außenwänden keine Alternative. Auch die fehlenden Wohnungen in urbanen Lagen können nicht in den vorhandenen Altbauten geschaffen werden. Und was sollten die überwiegend jungen Menschen in Afrika oder Asien sagen, deren Millionenstädte in den nächsten Jahrzehnten erst noch gebaut werden?

Das Betrachtungsfenster

Kunibert Lennerts und Norbert Fisch haben sich in ihrer Studie „Verantwortung übernehmen“ mit dem „Weg zur Klimaneutralität im Gebäudebereich“ beschäftigt. Das fängt schon bei der Definition des Betrachtungsfensters für den Immobiliensektor an. Nicht das Quellprinzip der Bundesregierung (16 % der deutschen Treibhausgasemissionen), sondern das Verursacherprinzip (40%) sollte dem Gebäudesektor zugerechnet werden. Das sind demnach pro Jahr nicht nur die 120 Mio. t Vor-Ort-Emissionen der Öl- und Gaskessel, sondern auch die 122 Mio. t aus Strom und Fernwärme sowie die 54 Mio. t grauen Emissionen für Materialien und Bauprozesse. 

Klingt erstmal logisch, verantwortlich und im größeren Zusammenhang gedacht. Aber nach dieser Rechnung könnte der Gebäudesektor ohne eine Dekarbonisierung des Energiesektors mit den Bilanzanteilen Strom und Fernwärme sowie des Industriesektors mit der Zement- und Stahlherstellung seine so erweiterten Ziele nicht erreichen. Anders formuliert, wenn der Energiesektor keinen grünen Strom liefert, geht im Immobiliensektor nur sehr wenig.

Der Strombedarf wird in den nächsten Jahren weiter exponentiell steigen, bis 2045 von heute 190 GWel auf fast 500 GWel! Deshalb ist die Dekarbonisierung der Stromerzeugung der entscheidende Faktor für die Erreichung aller Klimaschutzziele. Und für die ist ja im Wesentlichen die Energiewirtschaft zuständig.

Ohne grünen Strom geht wenig

Eine derartige Reduzierung der Treibhausgasemissionen ist durch den ohnehin erforderlichen massiven Ausbau der erneuerbaren Energien schneller und wirksamer zu erreichen, so die Argumentation von Lennerts und Fisch. Dann gibt es genug grünen Strom, mit dem wir wieder ohne schlechtes Gewissen in Stahl und Beton weiterbauen können. Das leuchtet mir erstmal ein. Die 16 Hochöfen und 53 Zementwerke, die es in der Bundesrepublik gibt, müssten doch zeitnah mit grünem Strom versorgt werden können. Aber zurück zum Gebäudesektor. Was tut der jetzt für die Dekarbonisierung?

Der Neubau belastet die Bilanz

Solange die Materialien und Bauprodukte wie Beton, Stahl, Aluminiumprofile, Glas, PV- Module und technische Anlagen bei ihrer Herstellung durch die Verwendung fossiler Brennstoffe hohe CO2-Emissionen verursachen, ist der Neubau für über 20 Prozent der nationalen, gebäudebezogenen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Das sind rund 62 Mio. t pro Jahr.

Dadurch werden die möglichen Einsparungen durch Betriebsoptimierungen, den Ausbau Erneuerbarer Energien oder die Reduzierung des Verbrauchs fast vollständig wieder aufgefressen.

Mit den fossil hergestellten Baumaterialien und ohne eine gut organisierte Kreislaufwirtschaft kann der Neubau, selbst als Holzbau, nicht zu einer Reduktion der Emissionen im Gebäudesektor beitragen. Denn auch der innovativste Holzbau setzt Emissionen frei. Eine bittere Wahrheit.

Fokussierung auf den Bestand

Eine Halbierung der CO2 Emissionen bis 2030 ist nur erreichbar, wenn man sich auf kurzfristig umsetzbare Maßnahmen in der Bestandssanierung fokussiert. So könnte gegebenenfalls die negative Bilanz des Neubaus wieder ausgeglichen und die vorhandenen Potenziale gehoben werden. Auf dem schnellen Weg zur klimaneutralen Wärmeversorgung des Gebäudebestands müssen die fossilen Energieträger (5,4 Mio. Öl- und 13,9 Mio. Gasheizungen) durch strombasierte Wärmeerzeuger ersetzt werden. Das sind z.B. im Gebäudemaßstab Photovoltaik auf Dächern zur Stromproduktion und elektrische Wärmepumpen. Auf der Quartiers- und Stadtteilebene geht es um den Ausbau und die Dekarbonisierung der Fern- bzw. Nahwärmenetze.

Die ökologisch sinnvollen Möglichkeiten zur weiteren Verbesserung der Gebäudehüllen sind ausgereizt. Noch mehr Dämmung führt nur noch zu geringen Einsparungen der Heizwärme, verbraucht Ressourcen und erhöht damit die Emissionen. In Deutschland sind ca. 90 % der Bestandsgebäude nur schlecht gedämmt. Deshalb bleiben noch Millionen energetisch unsanierte Altbauten, auch die mit den glatten Fassaden aus den 1950er bis 1980er Jahren.

Es fehlt an Fachkräften 

In den letzten Jahren wurde noch nicht einmal 1% des Gebäudebestandes energetisch saniert. Lennerts und Fisch rechnen vor, dass eine kurzfristige Verdopplung auf 2% aufgrund der personellen und materiellen Ressourcenknappheit in Deutschland nicht umsetzbar ist.

Weist man den energetischen Sanierungsmaßnahmen anteilig Beschäftigte aus dem Baugewerbe zu, dann sind für diese Tätigkeiten ca. 350.000 Beschäftigte notwendig. Eine Verdopplung der einprozentigen Sanierungsrate bedingt somit ein zusätzliches Investitionsvolumen von mind. 62 Mrd. Euro und weitere rund 350.000 Beschäftigte. Aber wo sollen die herkommen?

„Schade, aber wir können das Klima nicht retten“

Und damit bricht die ganze schöne Rechnung in sich zusammen. An dieser Stelle sagt die Immobilienwirtschaft bereits heute, dass sie die Halbierung der Treibhausgasemissionen für den Gebäudesektor aus sich heraus bis 2030 nicht erreichen kann. Unglaublich; nach Jahrzehnten der Diskussion und Auseinandersetzung kommt die Immobilienwirtschaft immer noch mit leeren Händen an den Verhandlungstisch: Schade, wir würden ja gerne Verantwortung übernehmen, aber angesichts des aktuellen Personalmangels und der fehlenden Materialien geht nicht mehr.

Den Betrieb der bereits vorhandenen Anlagen können wir sparsamer umsetzen. Das kostet nichts.