Make City: Kolumne Eike Becker, Immobilienwirtschaft 07/18

Make City: Kolumne Eike Becker, Immobilienwirtschaft 07/18

Die an diesem Abend stattfindende Diskussion ist nur eine von über 100 Veranstaltungen im Rahmen des MakeCity Festivals. An vielen Orten wird über 14 Tage lang der Zustand der Stadtgesellschaft untersucht. Die Themen sind Gentrifizierung, Bürgerbeteiligung, neue Hochhaustypologien, mehr Dichte, Kreativwirtschaft, es geht um die nachhaltige Stadt, die Stadt der Zukunft. Aber wo steht die Stadtgesellschaft heute  und was tut die Politik, um auf die großen Veränderungen der Zukunft zu reagieren?

Tatsächlich hat Berlin gerade vom Rückwärtsgang in den ersten Gang geschaltet.Die Stadt ist heute vielleicht nicht mehr ganz so arm (250.000 zusätzliche Arbeitsplätze in den letzten fünf Jahren), aber auch nicht mehr ganz so sexy. Wachsende Städte sind die vom Kapitalismus getriebenen Blüten des Wohlstands. Mehr Einwohner benötigen zusätzliche Infrastruktur, Wohnungen Büros und Kindergärten. Die Wirtschaft wird angekurbelt, zusätzliche Arbeitsplätze entstehen, usw. Dabei können Angebot und Nachfrage nicht sofort ausbalanciert werden. Der rasche Zuzug führt zu steigenden Mieten, die durch Lohnzuwächse nicht kompensiert werden. Besonders hier nicht, wo 50 Prozent aller Einwohner über ein unterdurchschnittliches Einkommen verfügen. Das ist nicht sexy. Die zahlungskräftigeren Neu-Berliner übernehmen und verändern ihre Nachbarschaft. Nicht immer zum Besseren für die, die schon da sind.

Wachsende Städte erzeugen Konflikte, die immer wieder neu verhandelt, gemildert und bewältigt werden müssen. Die demokratischen Entscheidungsprozesse können mit dem Tempo nicht Schritt halten. Innerhalb weniger Jahre wurden aus schrumpfenden Städten wachsende Metropolen, verwandelte sich hohe Arbeitslosigkeit in Arbeitskräftemangel, Leerstand in Wohnungsnot, zu niedrige in zu hohe Mieten. Aus großen Altbauwohnungen wurden Wohngemeinschaften, aus Familienwohnungen Mikroapartments. Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften wurden vor wenigen Jahren nicht mehr gebraucht, heute sollen sie tausende Neubauwohnungen errichten. Auch die Industrie kommt als Industrie 4.0 zurück in die urbanen Zentren. In atemberaubender Geschwindigkeit wird aus einer leeren Stadt eine dichte Stadt.

Die lokale Politik kommt da nicht hinterher. Die erforderlichen Anpassungen und Entscheidungen werden zu zaghaft und zu zögerlich angegangen. Das führt zu weiteren Verwerfungen und Problemen. Die komplexe Materie scheint die Entscheidungsträger zu überfordern. Dadurch stehen sich Parteien und Interessengruppen immer häufiger unvereinbar gegenüber, radikalisieren sich und beharren kompromisslos auf ihren jeweiligen Positionen. Eine Verrohung der Sprache und der Methoden ist die Folge - und dann geht nur noch wenig voran. Besonders auf lokaler Ebene steht Verhindern und Bewahren ganz oben auf der Agenda. Jeder der Gesprächsteilnehmer kann da aus dem Vollen schöpfen und Beispiele aus dem Alltag zum Besten geben. Am Hochhauskonzept für Berlin wird das Dilemma deutlich: Im Koalitionsvertrag wurde der Hochhausrahmenplan mutig als Ziel aufgenommen. An vielen Stellen in der Stadt würden sich Investoren trauen hoch zu bauen. Doch die linke Regierung braucht keine Hochhäuser, um ihre Wähler zu überzeugen („Jedes nichtgebaute Hochhaus am Alex ist ein Sieg gegen den Kapitalismus!“). Also werden umfangreiche Studien und Pilotuntersuchungen beauftragt. Und so vergeht ein Jahr. Oder zwei. Vermutlich drei. Und alle Bezirke können sich auf das fehlende Gesamtkonzept berufen, ohne einen Finger krumm zu machen.

Durch die Einführung der Baugebietskategorie „Urbanes Gebiet“ könnten Wohn- und Gewerbeflächen dichter werden und enger zusammenrücken. Leider scheitern die Städte bisher bei der Umsetzung  entweder am Lärmschutz oder den Einwänden von Beteiligten oder Betroffenen. Für die Beibehaltung des Status Quo gibt es leicht Mehrheiten. Für Veränderungen hingegen immer seltener. Das ist umso tragischer in einem wirtschaftlichen Umfeld, in dem so Vieles ginge. Die niedrigen Zinsen und die große wirtschaftliche Dynamik könnten leicht zu neuen Arbeitsplätzen und zusätzlichen Wohnungen führen. Die Städte könnten diese geradezu einzigartig günstige Situation nutzen, um sich fit zu machen für das, was kommt. Das müsste das Gebot der Stunde sein - eigentlich. Die Politik versucht aber vorsichtig auf Sicht zu fahren und kommt nicht auf die erforderliche Geschwindigkeit. Wer am meisten verspricht und am wenigsten tut, gewinnt die Wahlen. Wie es ist, so soll es bleiben und wie es war, soll es wieder werden. Geschichte wiederholt sich nicht. Systeme verändern sich in ihren eigenen Geschwindigkeiten. Ob wir wollen oder nicht.

Jetzt rufen viele, haltet den Dieb, aber keiner weiß, wer überhaupt den Einfluss und die Macht gestohlen hat. Die Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Sharing Economy, Industrie 4.0 und die Smart City haben vom ersten in den vierten Gang geschaltet und werden unser Leben und unsere Städte von den Füßen auf den Kopf stellen: Wenn Roboter nicht nur die menschliche Muskelkraft, sondern auch die menschliche Geisteskraft ersetzen. Wenn allwissende Algorithmen unsere Entscheidungen treffen und unser Leben optimieren. Wenn Arbeiter, Polizisten, Rechtsanwälte, Kassiererinnen, Schaffner, Bankangestellte, Postboten, Ingenieure und Bauarbeiter in den nächsten Jahren überflüssig werden, weil selbstlernende Roboter und Drohnen ihre Aufgaben viel besser erledigen. Und dabei niemals hungrig, müde oder krank sind, rund um die Uhr arbeiten und keinen Mindestlohn fordern. Wenn wir Glück haben, kann der daraus resultierende technologische Boom all die Menschen ohne Arbeit ernähren. Aber womit beschäftigen sie sich dann?

Jetzt müssen die Vorbereitungen für die digitale Transformation vorgedacht und angegangen werden. Noch sind die nötigen Mittel vorhanden. Aber ich fürchte, die heutigen politischen Strukturen sind nicht kreativ und innovativ genug, um Schritt zu halten und passende Lösungen anzubieten. In unserer Diskussion in der ehemaligen Werkstatthalle von Robben&Wientjes erwarten wir von der inklusiven Zivilgesellschaft den Innovationsschub. Ein Mangel an Visionen ist nicht immer ein Segen und nicht jede Vision ist schlecht. Ohne nachvollziehbare Visionen und Projekte kann nicht die narrative Kraft entstehen, die Mehrheiten überzeugt.