Mars: Kolumne Eike Becker, Immobilienwirtschaft 11/18

Mars: Kolumne Eike Becker, Immobilienwirtschaft 11/18

Ich betrete morgens um 9.00 das E-Werk, das ausrangierte Epizentrum der Berliner Clubszene der 90er Jahre. Heute sind hier Anzugträger zu Gast. Prof. Dr. Ulrich Walter eröffnet die Vortragsreihe. Er war 1993 für zehn Tage im Weltraum. Heute ist der Physiker Professor für Raumfahrttechnik an der TU München, trägt keinen Raumanzug mehr, hat inzwischen weiße Haare und ist ein geschmeidiger Redner. Zu meiner Überraschung spricht er über die Zukunft der Menschheit in unserem Sonnensystem und die Kolonialisierung der Milchstraße.

Elon Musk hat bald Raketen für die ersten Mars Bewohner am Start. 200 Tage hin, 200 Tage zurück. Zwar hat der Mars keine ausreichende Atmosphäre, die könnte man aber schaffen. Terraforming Mars nennt man das. Da haben wir ja bereits viel Erfahrung mit der Verformung der Erdatmosphäre. Im Gegensatz zum Mond hat der Mars gefrorene Polkappen. Aus CO2. Genau. Das ist das Treibhausgas, das wir hier auf der Erde zu viel in die Luft blasen. Dazu hat der Mars Wasser unter der Oberfläche. Wenn also die Erdenbürger nicht mit Raumanzügen und Sauerstoffgeräten in der eisigen Marswüste unterwegs sein wollen, brauchen sie dort eine erdähnliche Atmosphäre. Und das geht so: mit ein bisschen Treibhausgas PFC kann die Marsatmosphäre innerhalb der nächsten 500 Jahre auf -20 Grad Celsius angehoben werden. Dann schmelzen die Pole und das CO2 wird freigesetzt. Dadurch wird die Atmosphäre weiter verdichtet und der Treibhauseffekt verstärkt sich. Bei null Grad Celsius schmilzt das Eis und es können Pflanzen ausgesät werden. In weiteren 500 Jahren haben die dann durch die Photosynthese so viel Sauerstoff erzeugt, dass die Marsbewohner ihre Anzüge ausziehen und erdähnlich leben können. Und dann beginnt der Spaß erst. Von dort können wieder 10 Millionen Menschen in Wasserstoff getriebenen Raum-Archen mit zehnprozentiger Lichtgeschwindigkeit in etwa 300 Jahren den nächsten erdähnlichen Planeten erreichen, sich dort in etwa 10.000 Jahren regenerieren und vermehren und den nächsten und wieder den nächsten Planeten erreichen. Bis unsere Milchstraße, unsere Galaxie, (100.000 Lichtjahre Durchmesser, 100 Mrd. Sterne) in gerade einmal 3,9 Millionen Jahren vollständig von Menschen besiedelt ist (Monte-Carlo Rechnung). Das ist ein kurzer Teil der 20.000 Millionen Jahre, die unsere Milchstraße noch existiert. Zu weit weg? Und dauert zu lange, um darüber nachzudenken? Unsere Sonne ist vor 5 Milliarden Jahren entstanden. Vor 65 Millionen Jahren beendete ein Kometeneinschlag das Leben der Saurier auf der Erde. 3,9 Millionen Jahre sind also in diesem Kontext ein kurzer Zeitraum. Und in 80.000 Jahren erwarten die Forscher eine fette Eiszeit. Spätestens dann wird es auf der Erde ungemütlich werden und eine Auswanderung zum zwischenzeitlich begrünten Mars nicht mehr ganz so abwegig sein. Das Ganze hat dann aber auch seine natürliche Grenze erreicht. Während ein Flug zum nächsten Sternensystem noch möglich erscheint, und sei es als pure Vision, so sind Reisen zur nächsten Galaxie nicht mehr vorstellbar, da selbst das Licht schon 2,5 Mio. Jahre benötigt, um dorthin zu gelangen.

Warum hat mich diese Vision vom Unfassbaren und Unendlichen so bewegt? Die Immobilienwirtschaft ist schließlich keine Rocket Science. Warum über solche Zeiträume nachdenken? Kaum einer, der diese Zeilen liest, wird noch länger als ein halbes Jahrhundert leben. Lenkt diese wissenschaftlich-technische Utopie aus den 70ern nicht von unseren tatsächlichen Problemen ab? Die Politik handelt in eng begrenzten Zeiträumen, in Legislaturperioden von vier Jahren in der Regel. Aktiengesellschaften lassen sich in Quartalen messen. Die Immobilienwirtschaft denkt von Deal zu Deal, Projekt zu Projekt. Schnell, schneller und noch schneller planen und bauen, noch früher den Bauantrag einreichen und dann zügig weiterverkaufen. Eine Art manischer Raserei ist das Ergebnis. Aber allzu weit gesteckte Ziele und Visionen sind in dynamischen Zeiten mit ihren unvorhersehbaren Veränderungen und Disruptionen früh zum Scheitern verurteilt. Die internationalen Raumstationen sind innerhalb weniger Jahre so bakteriell verseucht, dass sie über kurz oder lang im Meer versenkt werden müssen. Und die Astronauten werden auf dem Weg zum Mars so starker Strahlung ausgesetzt, dass sie Krebs bekommen. Die Pyramiden, griechische Tempel, gotische Kathedralen, englische Landschaftsgärten, Brasilia oder die Arbeitersiedlungen in Berlin sind gebaute Utopien. Sie verkörpern jeweils ein gesellschaftliches Ideal und gehen ihrer Zeit weit voraus. Mit dieser Vorstellung im Gepäck macht es Sinn, die Erde und die Weltbevölkerung als Ganzes und in ihrer Vielfalt zu sehen. Und unsere Gesellschaften und Städte aus einer Zielperspektive heraus zu entwickeln. Ohne Sicht zu fahren muss in die Verzweiflung führen. Wer sich als Opfer der Digitalisierung, Globalisierung, Terrorismus, Wohnungsknappheit oder Gentrifizierung sieht, hat den Abstieg vor Augen und kann nicht zuversichtlich sein.  Wer auf Sicht fährt, braucht Scheinwerfer in der Nacht und Ziele.

Was also sind die Visionen und großen Überzeugungen, die eine vereinigende Wirkung entfalten können? Es geht darum Gewinn in Sinn zu verwandeln. Für mich geht es um die demokratische, vielgestaltige, kreative Stadtgesellschaft mit ihren inklusiven Institutionen. Sie gilt es zu stärken und zu entwickeln. Ihre Heimat ist unsere Aufgabe. Es sind die Städte der Erde, in denen sich die Zukunft der Menschheit entscheidet. Sie sind das komplexeste und anspruchsvollste, was Menschen je hervorgebracht haben. Sie so zu formen, dass pluralistische Gesellschaften heute und morgen gedeihen und sich im Ganzen und Einzelnen zum Guten und Besseren wenden, ist unsere Aufgabe. Dagegen ist der Flug zum Mars ein Kinderspiel.