Von Ottern und Institutionen: Kolumne Eike Becker, Immobilienwirtschaft 12/2020

Von Ottern und Institutionen: Kolumne Eike Becker, Immobilienwirtschaft 12/2020

Als Kind konnte ich stundenlang durch die Moore und Wälder meiner norddeutschen Heimat streifen und an den Ufern der Seen nach dem schillernden Gefieder des Eisvogels oder den filigranen Nestern der Schilfrohrsänger Ausschau halten. Stichlinge mit dem Nudelsieb unserer Mütter aus den Bächen zu fangen, um sie am Abend wieder ins Wasser zurück zu setzen, galt als angesehener Zeitvertreib.

Heute weiß ich, dass diese Bäche bereits Teil eines Kanalsystems waren, um die Moore trocken zu legen und für den Anbau von Mais und Kartoffeln urbar zu machen. Die Felder wurden größer und die Moore und Wälder, Feldränder und Blühflächen immer kleiner. Durch die Pestizide und Monokulturen der industriellen Landwirtschaft wurden die Hasen und Rebhühner, Feldlerchen, Kiebitze und Stare von Jahr zu Jahr seltener, bis sie schließlich ganz verschwanden. Füchse und Wölfe hab ich in meiner Jugend nicht gesehen. Eine intakte, artenreiche, gesunde Natur war das nicht.

Biologen wie Bob Paine, Mary E. Power, Jim Estes, Tony Sinclair und John Terborgh waren Pioniere in der Erforschung bestimmter Tierarten und deren Bedeutung für den Erhalt komplexer Ökosysteme. Sie wiesen nach, dass schon das Fehlen einer einzigen Tierart eine ganze Artengemeinschaft zerstören kann. In Ökosystemen hat jede Art ihren Nutzen und eine bestimmte Funktion. Löscht man regional nur eine Tierart aus, so zerstört man ein intaktes Geflecht biologischer Kreisläufe eines mitunter riesigen Gebietes. Übrig bleiben im Falle des Seesterns in den Gezeitenbecken an der Küste von Neah Bay, Washington, unkontrolliert wachsende Muschelbänke, die schließlich zum Absterben der gesamten Unterwasser-Flora und -Fauna führen.

Mein Blick auf die zeitgenössischen Gesellschaften und ihre Städte ähnelt dem eines Biologen auf die Biotope. Die Unterschiede zwischen erfolgreichen und weniger erfolgreichen Konstellationen liegen für mich klar auf der Hand. Eine vielfältige, aufblühende Gesellschaft braucht  die unterschiedlichsten Institutionen, Infrastrukturen und privaten Initiativen. Vielfältige gesellschaftliche Organisationsformen, die sich gegenseitig kontrollieren, miteinander rivalisieren, möglicherweise inspirieren und auf unterschiedlichen Wegen ihre Kreativität einbringen.

Die Otter vor der Küste Alaskas, die Gnus in der Serengeti oder die Wölfe im Yellowstone Nationalpark sind Beispiele für Schlüsselarten, deren Fehlen zunächst zum Downgrade und später zum Zusammenbruch eines ganzen Ökosystems führt.

In den zeitgenössischen Gesellschaften übernehmen die öffentlichen, inklusiven Institutionen und Infrastrukturen die Aufgaben der Schlüsselarten. Erst unter ihrem qualifizierten Einfluss kann die Wirtschaft eingebunden werden, können Bauherrenkompetenzen gestärkt werden, das Management der öffentlichen Räume und Infrastrukturen bewältigt werden,  können Menschen beteiligt und die Zusammenarbeit der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen organisiert werden.

Je komplexer, vielfältiger die Zusammensetzung der Institutionen einer Gesellschaft ist, desto reicher, ausgewogener, resilienter ist sie als Ganzes. Gerade im Zusammenspiel der öffentlichen Institutionen, der privaten Organisationen und der bürgerlichen Gesellschaft wird deutlich, dass gebündelte Vielfalt zu einer Bereicherung, dass gegenseitige Kontrolle zu einer Fokussierung und Divergenzen zu Fortschritten führen können.

Die Dominanz einiger weniger Organismen oder Institutionen oder ihre Abwesenheit führt zu einer Verarmung des Gesamtsystems. In China führt die Dominanz der kommunistischen Partei trotz grosser Erfolge in der Armutsbekämpfung gerade in einen korrupten, expansiven Unrechtsstaat. In den USA wurden seit Jahrzehnten die öffentlichen Institutionen geschwächt, das Streikrecht zurückgedrängt und das politische System immer weiter korrumpiert. Über kurz oder lang sind die Institutionen und die Infrastrukturen nicht mehr in der Lage, ihre Aufgaben für das Gesamtsystem angemessen zu übernehmen. Es kommt zu einer Selbstvergiftung, Aushöhlung und zum Niedergang. Aber auch in Berlin sind die Ämter unterbesetzt, bröckeln die Schulfassaden, sind Brücken nicht mehr befahrbar, ist der S-Bahn-Verkehr ständigen Störungen ausgesetzt, führen Privatisierungen von öffentlichen Infrastrukturen zu Verteuerungen und damit sozialer Ungerechtigkeit.

Wenn also die Menschen die Grosswale töten und die Orcas gezwungen sind zunächst Seehunde, dann Seelöwen und schließlich Otter zu fressen, dann dezimieren die Otter nicht mehr die Seeigel und diese vertilgen ungebremst die Algenwälder. So stirbt ein ganzes Biotop. Das geschieht, wenn die Schlüsselarten fehlen. Vor der kanadischen Küste sind es die Otter, in den Seen Oklahomas sind es die Barsche und in der Serengeti sind es die Gnus. Wenn sie fehlen, verarmen und sterben die Biotope.

Ähnlich ist es in menschlichen Gesellschaften. Die öffentlichen, inklusiven Institutionen sind die Schlüsselarten. Sie gilt es zu pflegen und weiter auszubauen. Wenn sie nicht gedeihen, sind sie nicht in der Lage ihren Aufgaben als ordnende Kräfte innerhalb des Gesamtsystems gerecht zu werden, Wenn sie kaputt gespart, nicht weiterentwickelt, diskreditiert oder abgeschafft werden, kommt es zu Ungleichgewichten, zu Ungerechtigkeiten, Vertrauensverlusten, frustrierter Wut und zum Verlust der Vielfalt. Und damit zum Verlust der Lebensqualität für alle. Die Seeigel werden über kurz oder lang alle Seetangwälder vor Alaska aufgefressen haben. Und die großen Digital Unternehmen, die mit ihrer KI Technik die menschlichen Arbeitskräfte ersetzen, werden ohne regulierende Eingriffe der öffentlichen Institutionen keine gut verdienenden Nutzer mehr finden, die Ihnen ihre selbstfahrenden Autos abkaufen.

Die Infrastrukturen stecken meistens unter der Erde und bleiben unsichtbar. Sie treten nur dann in Erscheinung, wenn etwas nicht funktioniert. Wenn die Internetverbindung abreißt, wenn das Stromnetz zusammenbricht, wenn es aus den Gullydeckeln stinkt.

Die öffentlichen Institutionen und Infrastrukturen schaffen die Voraussetzungen für gute städtische und gesellschaftliche Entwicklungen. Erst sie ermöglichen die erforderliche Mobilität, erst sie können für das gelingende Miteinander vieler Millionen Menschen sorgen.

Zur Zeit entsteht das meiste städtische Wachstum auf der Welt ungeplant. Eine Milliarde Menschen leben heute in Favelas, Slums oder Marginalsiedlungen. Sie entstehen ohne Institutionen und Infrastrukturen.

Gute Orte zum Leben brauchen aber Wasser, Abwasser, Elektrizität, Daten, Mobilität, Müllverwertung, Logistik, Sicherheit, Bildung, Gesundheit, öffentliche Plätze und Naturräume.

Das abzustimmen, zu errichten und zu unterhalten, schaffen leistungsfähige staatliche Institutionen. Dazu gehören Parlamente, Regierungen und unabhängige Gerichte. Aber auch Ämter, wie die Bauaufsicht, die Stadtplanung, das Tiefbauamt, das Verkehrsamt, die Feuerwehr, die Stadtwerke, Gesundheitsämter, die Flugaufsicht, das Eisenbahnbundesamt oder das Katasteramt. Und so viele mehr.

Auch die Sicherheit. Ohne das Gewaltmonopol des Staates gibt es keine lebenswerten Städte und keine soziale Stadtgesellschaft.

Die Naturforscher haben ein Puzzle der Komplexität biologischer Kreisläufe zusammen gesetzt. Das Verständnis dieser Kreisläufe kann der Schlüssel sein, damit der Mensch rückgängig macht, was er an vielen Stellen der Welt an Natur zerstört hat.

Und es kann dabei helfen, die Institutionen und Infrastrukturen so weiterzuentwickeln, dass die Städte und ihre Gesellschaften in sozialem Frieden und in Harmonie mit den Kreisläufen der Natur gedeihen.